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10.12.2018

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Noch ein Parkhaus am Bahnhof?
Eine Stellungnahme

 

Überblick

Das Projekt für ein Parkhaus am Bahnhof wurde im Hauptausschuss am 8.2.2018 von Herrn Seeber das erste Mal erwähnt.  Am 26.2.2018 zur gemeinsamen Sitzung von Bauausschuss und WUV wurde die „Machbarkeitsstudie Mobilitätszentrum Ilmenau“ im Detail vorgestellt. Diese Studie ist leider aktuell nicht online verfügbar, wir versuchen aber, das zu ändern. Eine Zusammenfassung finden Sie in diesem Artikel der "Thüringer Allgemeinen" bzw. im Bericht des "Freien Wort".

Wir  sehen das Projekt aus verschiedenen Gründen kritisch und wollen diese erläutern. Generell halten wir es für schwierig, eine Investition in dieser Größenordnung ohne die nötige fachliche Notwendigkeit anzugehen. Dazu kommt, dass aktuell der Haushalt mit dem Bau der Schwimmhalle und vor allem der Sanierung der Festhalle für die folgenden Jahre bereits stark belastet ist. Er bietet keine Spielräume für zukünftige Investitionen mehr. Mit Blick auf die Vergrößerung von Ilmenau und die unklaren wirtschaftlichen Perspektiven im größeren politischen Rahmen in den nächsten Jahren sollte man sich als Kommune diese finanziellen Spielräume nicht selbst beschneiden.

Die Hintergründe dieser Einschätzung wollen wir hier darlegen.

Verkehrskonzept fehlt

Ilmenau verfügt derzeit nicht über ein Verkehrskonzept, das für das Stadtgebiet und alle bisherigen Stadtteile gilt und das auch alle Verkehrsarten im Zusammenspiel betrachtet. Ohne ein solches Konzept ist eine Investition in der geplanten Größenordnung weder inhaltlich noch vor dem steuerzahlenden Bürger zu vertreten. Ein solches Verkehrskonzept muss von Fachleuten erstellt werden und sollte u.a. diese Dinge berücksichtigen:

  1. Pendlerströme aus Ilmenau mit Auto und Bahn.
  2. Verkehr zwischen der Innenstadt von Ilmenau und den Randbereichen
  3. Verkehr zwischen der Innenstadt von Ilmenau und den Ortsteilen.
  4. Verkehr zur Rush-Hour morgens und abends.
  5. Verkehrsströme im Zusammenhang mit dem Transport von Kindern am Morgen.
  6. Verkehrsströme, die durch die Universität und die Studenten verursacht werden.
  7. Nutzung der verschiedenen Verkehrsarten Fußgänger, Auto, Bus, Bahn, Rad.
  8. Betrachtungen zum Übergang zwischen den Verkehrsarten.
  9. Ansprüche der Bürger ohne eigene Transportmöglichkeit (PKW, Rad) an den ÖPNV.
  10. Betrachtung des ruhenden Verkehrs und der Parkraumsituation.
  11. Management des ruhenden Verkehrs.
  12. Analyse der Pendler nach sozialen Gruppen (Studenten, Schüler, Angestellte).
  13. Untersuchung der zeitlichen Verteilung des Verkehrs im Tagesverlauf und im Unterschied zwischen Wochentag und Wochenende.

Bedarf an Parkplätzen ist nicht nachzuvollziehen

Die Notwendigkeit für ein weiteres Parkhaus in der Ilmenauer Innenstadt erschließt sich nicht aus der vorgelegten Machbarkeitsstudie. Die Zahlen zur Begründung (880 aufgelisteter Stellflächenbedarf) sind, wie sich in den folgenden Ausführungen zeigt, nicht stichhaltig, vor allem deshalb, weil sich an den äußeren Umständen nichts gravierendes ändert:

  • Die 100 zusätzlichen Parkplätze für Pendler sind nicht begründet. Es ist unklar, wie diese Zahlen entstanden sind. Im neuen Parkhaus sind ohnehin nur 26 Parkplätze für Pendler vorgesehen. Diesen Bedarf kann man ebenerdig decken (Vorschlag in Punkt 7.).
  • 65 zusätzliche Parkplätze am Wochenende sind nicht extra zusätzlich nötig, da am Wochenende generell weniger Parkplätze belegt sind. Diese Zahl gehört darum nicht als Parkplatzbedarf in die Auflistung und wurde deshalb vom Verfasser bereits herausgerechnet.
  • 120 Parkplätze für Besucher der Altstadt können problemlos das nicht ausgelastete Parkhaus Mühlenstrassse benutzen, das ohnehin näher an der Stadt ist.
  • 120 Stellplätze für die Weiterentwicklung des TTI sind nicht nachzuvollziehen. Das Terminal B hat Parkplätze vor dem Haus. Das Terminal C hat eine Tiefgarage und zusätzliche Stellflächen im Nahbereich. Die angenommene Komplettbebauung des Areals mit bis zu 6 weiteren Terminalgebäuden ist nach den Problemen mit der Vermietung bei Terminal B und C wirtschaftlich nicht nachzuvollziehen. Sollte tatsächlich in der Zukunft ein solcher Bedarf an Büroraum entstehen, muss generell überlegt werden, ob man nicht zuerst die Flächen an der Einsteinstrasse („Lackfabrik“), am Eichicht oder am Vogelherd entwickelt.
  • 22 Parkplätze für die neue Schwimmhalle sind vorgesehen. Ein weitergehender Bedarf ist nicht zu erkennen auch weil der Abstand zu Fuß zum Parkhaus in der Mühlenstrasse genauso weit wie zum vorgeschlagenen Standort am Bahnhof ist.
  • Parkplätze für Großveranstaltungen in der Eishalle oder Schwimmhalle. Diese Veranstaltungen finden am Wochenende statt, wenn die Parksituation entspannt ist. Parkhaus und Parkplatz an der Mühlenstrasse können genauso genutzt werden wie die Parkfläche am TGZ. Dafür ist lediglich eine passende Ausschilderung der Parkplätze bei der Veranstaltung nötig. Darüber hinaus können entsprechende Vereinbarungen zur Mitnutzung mit dem Kaufland abgeschlossen werden. Entsprechendes wurde deshalb vom Verfasser bereits herausgerechnet.
  • Steigender Parkplatzbedarf durch Mitarbeiter der eingemieteten Firmen. Das ist nachzuvollziehen. Allerdings ist der Fußweg mit 10 Minuten vom Parkplatz/Parkhaus Mühlenstrasse zumutbar.  Gleiches gilt für den Parkplatz am TGZ. Eine weitere Variante wäre, den vorhandenen Parkplatz am Bahnhof entlang der vorhandenen Flächen zu erweitern. Dazu könnte man wie in der Studie vorgeschlagen die dort vorhandenen Busparkplätze nutzen und die abgestellten Busse im Bereich des Busbahnhofs unterbringen. Eine Bereitschaft des IOV liegt vor.
  •  Der zusätzliche Platzbedarf für parkende PKW liegt also nicht bei 398 sondern tatsächlich bei 51 Stellflächen. Diese können in dem Bereich ebenerdig organisiert werden und rechtfertigen auf keinen Fall den Bau eines Parkhauses für 5 Mio. Euro. „Generell sollte für die Gesamtstadt Ilmenau perspektivisch ein abgestimmtes Parkraumbewirtschaftungskonzept erarbeitet werden um eine effizientere Bewirtschaftung der öffentlichen Stellplätze zu erreichen.“ Diese Aussage in der Machbarkeitsstudie ist voll zu unterstützen. Wir sehen allerdings die Vorlage des Parkraumbewirtschaftungskonzeptes als unabdingbare Voraussetzung, bevor ein neues Parkhaus geplant und hinzugefügt wird.

Angenommene Szenarien

In der Studie werden einige Szenarien angenommen, die sich so nicht nachvollziehen lassen:

1.     Car Sharing. Car Sharing funktioniert in großen Städten mit Parkplatznot als Variante des Individualverkehrs und Ergänzung des ÖPNV. Um es wirtschaftlich zu betreiben, benötigt man eine bestimmte minimale Anzahl potentieller Benutzer und ein entsprechendes Verkehrsgebiet. Beides ist in Ilmenau nicht gegeben.

2.     Bike Sharing. Leihfahrräder würden in Ilmenau nur als touristisches Angebot funktionieren. Die Ilmenauer Innenstadt ist generell zu Fuß gut zu erreichen, so dass hier kein Geschäft im größeren Umfang für Leihräder zu vermuten ist.

3.     Park & Ride. Park & Ride ist eine Strategie, um Autoverkehr tagsüber aus der Innenstadt herauszuhalten und wird in größeren Städten benutzt (z.B. in Erfurt mit Parkplätzen am Landtag oder der ega). Dieses Szenario ist für Ilmenau nicht realistisch. Und Park & Ride, um vom Ilmenauer Bahnhof Erfurt als Stadt und ICE-Knoten zu erreichen ist zu langsam und wird die Ausnahme bleiben.

Elektromobilität

Generell ist es eine gute Idee, Infrastruktur für Elektromobilität vorzuhalten. Auch hier muss man aber die tatsächlichen Nutzungsszenarien genau betrachten. Ladestationen mit entsprechenden Parkplätzen sind an der Mühlenstrasse vorteilhafter, da das Parkhaus dort bereits Raum für Besucher und ggf. auch Anwohner mit Elektrofahrzeugen bietet. Es wäre sinnvoller, das Fördergeld für die Infrastruktur dort einzusetzen.

Zusammenfassung

Wenn man alle diskutierten Punkte rational betrachtet, spricht eigentlich nichts für ein neues Parkhaus am Bahnhof. Vor allem die finanzielle Belastung im Haushalt ist vor diesem Hintergrund nicht zu vertreten. Allein die vorgesehenen Planungskosten von 400.000 Euro im Nachtragshaushalt 2018  könnten einen hauptamtlichen Wirtschaftsförderer für 5 Jahre finanzieren. Der wirtschaftliche Effekt für Ilmenau wäre deutlich höher als ein Parkhaus am Bahnhof. 

 Update

Am 22. März hat sich die Mehrheit des Stadtrates grundsätzlich für das neue Parkhaus ausgesprochen. Wir bedauern, dass die die meisten der Stadträte unserer Argumentation nichts abgewinnen konnten.